„Wir wollen ständig neue Themen finden“

Beschäftigung mit Musik in allen Facetten und dabei stets am Puls der Zeit bleiben – Musikakademien müssen flexibel sein, um passgenaue Fortbildungsangebote zu entwickeln. Wie das funktioniert und welche Aspekte dabei eine Rolle spielen, erzählt Antje Valentin, Sprecherin des Verbands der Bundes- und Landesmusikakademien und Direktorin der Landesmusikakademie NRW in Heek, im Interview.

Wer im Musikbereich beruflich tätig ist, hat in der Regel eine Ausbildung durchlaufen und verfügt damit bereits über fundierte Kenntnisse. Warum ist es wichtig, trotzdem immer weiter zu lernen, und warum machen das so viele?

Ganz allgemein: aufgrund des permanenten gesellschaftlichen Wandels. Im Einzelnen kommt es dabei natürlich sehr stark auf den Tätigkeitsbereich an. Im Amateurmusizieren etwa ändert sich derzeit viel, was Formate und Moden und Zusammensetzungen anbelangt. So sind im Amateurbereich Pop-, Rock- und Jazzchöre sehr im Kommen, und diese kleineren Formationen benötigen eine ganz eigene Form der Chorleitung. Für einen ausgewiesenen Chorleiter im Bereich der klassischen Literatur ist es durchaus sinnvoll, sich auf diesem Gebiet fortzubilden. Denn im Studium vor 20 oder 30 Jahren hat man das ja nicht automatisch mitgelernt. Ein anderer Aspekt sind die vielen technischen Neuerungen, die Digitalisierung, die auch die Musikpädagogik überrollt. Lehrer nutzen inzwischen für den Instrumentalunterricht Aufnahmen, die sie ihren Schülern aufs Handy schicken. Auch per WhatsApp werden Unterrichtsbeispiele gesandt, Fragen gestellt, Soundspuren übermittelt. Dafür braucht man zwar nicht gleich eine Fortbildung, aber im weiteren Denken ergeben sich hier ganz neue Formen des Zusammenspiels und der gemeinsamen Arbeit. So können wir bis hin zu kleinen YouTube-Aufführungen kommen, die Schüler wahrscheinlich ganz anders animieren, ihr Instrument zu bedienen. All diese neuen Techniken, auch zur Motivation, bedingen Fortbildung – gerade für Menschen, die keine „Digital Natives“, also nicht mit den neuen Medien aufgewachsen sind. Hinzu kommen gerade im pädagogischen Bereich Herausforderungen wie neue Unterrichtsformen, ständig heterogener werdende Schülergruppen und eben auch neue digital unterstützte Lernmöglichkeiten.

Gibt es bestimmte Bereiche auf dem Gebiet der Musik, in denen Fortbildung besonders nachgefragt wird, oder ist das Interesse relativ ausgewogen?

Aus meiner Sicht sind Angebote im pädagogischen Bereich besonders wichtig. Allerdings sind Lehrer an allgemeinbildenden Schulen derzeit durch die Themen Geflüchtete und Inklusion zum Teil so stark belastet, dass hier der individuelle Fortbildungswille manchmal etwas erlahmt. Wachsendes Interesse sehen wir dagegen im Musikschul-Bereich. Da die Musikschulen zunehmend mit anderen Institutionen wie Kitas und allgemeinbildenden Schulen kooperieren, wächst hier der Fortbildungsbedarf, und die Pädagogen nutzen entsprechende Angebote sehr gern, um sich den neuen Aufgaben zu stellen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich Einzelunterricht gebe oder mit einer ganzen Schulklasse elementar-musikalisch arbeite. Da braucht es sehr viel Fortbildung.
Ein weiterer Bereich ist die Musik anderer Kulturen: Hier stellen wir bundesweit ein reges Interesse fest, sich mit anderen Musiksystemen, mit anderen Instrumenten und dem möglichen interkulturellen Zusammenspiel zu beschäftigen.

Kommen für solche Fortbildungen immer neue Teilnehmer zu Ihnen, oder sind es mehrheitlich „Stammkunden“, die Sie begrüßen?

Bei uns in Heek ist es so, dass in der Regel die Hälfte der Gäste schon mal da war und die andere Hälfte noch nicht.

Wie sind diejenigen, die neu sind, auf Sie aufmerksam geworden?

Ganz häufig per Mundpropaganda, und ich denke, das gilt nicht nur für unsere Akademie in Heek, sondern auch für die Kollegen in den anderen Einrichtungen. Gute Erfahrungen machen wir aber auch durch E-Mail-Aktionen und unsere Ankündigungen auf allen möglichen digitalen Kanälen. Wir werben über unsere Website sowie über Facebook, Instagram und YouTube. Deshalb freuen wir uns jetzt auch sehr über das neue Kurs-Portal des Deutschen Musikinformationszentrums, das mit seinen jährlich über 2.000 Veranstaltungen eine einzigartige Informationsquelle für den Musikbereich ist. Gedruckte Werbemittel verwenden wir dagegen immer weniger. Ein ganz wesentlicher Faktor sind aber auch die Musikverbände, für die und mit denen Akademien zielgenaue Angebote haben. Sei es nun der Bundesverband Musikunterricht oder der Verband deutscher Musikschulen und seine Landesverbände, seien es verschiedene Amateur-Musikverbände wie Blasmusikverbände oder Chorverbände: Sie alle schicken uns ihre Leute in die Akademien und sind beste Multiplikatoren bundesweit.

Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek
Erzieher-Fortbildung an der Landesmusikakademie NRW in Heek

Also werden die meisten Interessenten aus ihrem beruflichen und ehrenamtlichen Wirkungskreis heraus auf bestimmte Weiterbildungsmöglichkeiten und Weiterbildungsthemen aufmerksam?

So ist es. Eine ganz wichtige und wachsende Zielgruppe sind aber auch die Erzieherinnen und Erzieher. Sie sind immer hochbegeistert von guten Kursen, die sie besser befähigen, musikalische Elemente in ihrem Kita-Alltag und in der Offenen Ganztagsschule einzusetzen, Lieder zu lernen, neues Material auszuprobieren. Hintergrund ist, dass Erzieherinnen und Erzieher in ihrer Ausbildung zu diesen Themen nur marginal unterrichtet werden. Diejenigen, die intensiver mit Musik umgehen möchten, merken immer wieder, dass sie dazu bessere Kompetenzen brauchen. Allerdings ist es leider so, dass wir nicht alle erreichen, sondern bisweilen immer dieselben Gesichter wiedersehen, weil sie die Aufgabe haben, die Musik in ihrer Kita hochzuhalten. Ich finde das schade, denn viel sinnvoller wäre es, wenn alle sich damit identifizieren.

Die meisten der Landes- und Bundesakademien liegen geografisch eher abgeschieden. Ist das ein Vorteil? Inwiefern hilft Ihnen das inhaltlich bei ihrer Weiterbildungsarbeit?

Es wirkt vertiefend. In Heek haben wir oft Menschen aus Köln oder anderen Ballungsgebieten zu Gast, die es toll finden, bei uns zu arbeiten, weil wir hier erstens in einer wunderschönen Umgebung sind und zweitens auch abends niemand schnell entwischt, sodass unsere Teilnehmenden regelrecht in Klausur gehen. Wir Akademien haben auch nicht nur die entsprechenden Räumlichkeiten zum Übernachten und Arbeiten, sondern auch zum gemütlichen Beisammensein. So tauscht man sich gegebenenfalls sogar am Kamin aus, bereitet den Tag nach und kann sich vertieft mit den Themen auseinandersetzen und untereinander vernetzen.

Für die Teilnehmer von Kursen in den Musikakademien bieten sich vielseitige Möglichkeiten der Kommunikation - auch das gemeinsame Essen gehört dazu. (Foto: Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg)

Geschieht das auch zwischen den Teilnehmern von thematisch ganz unterschiedlichen Fortbildungen?

Auch das kommt vor. In den meisten Akademien können verschiedene Gruppen gleichzeitig arbeiten, die sich dann am Abend auch mischen. Ich habe selbst erlebt, dass bei uns eine Bläsergruppe aus einem Lehrgang für Blasorchesterleitung auf eine Gruppe von türkischen Langhalslauten-Spielern stieß. Als diese abends musizierten, waren die Bläser hochinteressiert an dem für sie fremden Tonmaterial – und am nächsten Tag besuchte ein Dozent der Bağlama die Bläser, um ihnen einen Einblick in die Mikrotonalität und die arabisch-türkischen Tonleitern zu geben. Derartige Situationen können bei uns geschehen, weil wir eben diese „Klausur“-Möglichkeit bieten und unsere Teilnehmer und Gäste auch aus so unterschiedlichen Bereichen kommen.

Erfragen Sie als Veranstalter nach jedem Angebot, inwieweit es die Kursteilnehmer vorangebracht hat?

Ja, zu unserer Feedbackkultur zählt es, mindestens einen Fragebogen zum Kurs auszufüllen. Nach Möglichkeit versuchen wir darüber hinaus im Gespräch oder in Form von verschiedenen Feedbackmethoden mit den Teilnehmern zu reflektieren, was der Kurs gebracht hat. Dabei gilt: Je länger eine Maßnahme gedauert hat, desto intensiver wird das Feedback eingefordert.

Was geschieht in den Fällen, in denen Sie ein eher negatives Feedback erhalten?

Wir untersuchen, woran es lag. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Thema hochaktuell ist, aber der Dozent / die Dozentin nicht so gut. Und wenn wir auf Feedbackbögen Kommentare finden, fragen wir – sofern es möglich ist – noch einmal nach. Ziel ist es immer, das Angebot so auszuarbeiten, dass es funktioniert. Oder es im anderen Fall eben ganz abzublasen.

Was sind Ihre Zugpferde bei der Fortbildung? Gibt es Klassiker, die Sie schon seit 20 Jahren anbieten, oder haben Sie aktuell Themen, die besonders nachgefragt werden und die vielleicht auch inhaltlich ganz neu sind?

Letzteres. Wir verstehen uns da auch so ein bisschen als „Avantgarde“ und wollen gern ständig neue Themen finden und Vorhandenes weiter entwickeln. Es gibt keinen Kurs bei uns, der in einer immer gleichen Form schon 20 Jahre läuft. Derzeit haben wir mit der „World Percussion Akademie“ ein relativ junges Angebot, mit dem wir verschiedene Percussion- und Rhythmus-Kulturen innerhalb einer Woche mit mehreren Dozenten vermitteln. Vielleicht wird das einmal ein Dauerbrenner. Wir beobachten aber immer sehr aufmerksam, ob es nicht neue Fragen gibt, zu denen wir ebenfalls dringend etwas anbieten sollten, um am Puls der Zeit zu bleiben.

Einerseits viele junge Leute, andererseits Spätberufene – die Kurse in den Akademien ziehen Menschen ganz unterschiedlicher Altersgruppen an. (Foto: Ralf Baumgarten/Stiftung Internationale Musikschulakademie Kulturzentrum Schloss Kapfenburg)

Sie haben uns verschiedene Berufsgruppen genannt, für die Weiterbildung besonders wichtig ist. Wie sieht das im Bereich des Ehrenamts aus? Welche Altersgruppen sind da aktiv, und kommen auch Seniorinnen und Senioren zu Ihnen, die Neues lernen wollen?

Das Bewusstsein, dass man sich auch im Alter noch musikalisch entwickeln kann, ist inzwischen selbstverständlich geworden. Das finde ich sehr schön, denn vor ein paar Jahrzehnten war das noch gar nicht der Fall. Ich denke etwa an einen ganz wunderbaren Teilnehmer, der erst mit weit über 40 Jahren mit der Tuba in einem Blasmusikverein angefangen hat und dann bei uns den qualifizierenden Lehrgang Registerleiter/Anleiter gemacht hat. Das ist der C1-/ C2-Lehrgang im Umfang von sieben Wochenenden, und dieser Teilnehmer hat ihn mit Erfolg abgeschlossen. Als Registerführer hat er danach den Folge-Lehrgang für Blasorchesterleitung absolviert. Er hat sich also als Amateur im fortgeschrittenen Alter durch wirklich sehr anspruchsvolle Lehrgänge gearbeitet und sein Wissen enorm verbreitert. So etwas finde ich sehr bewundernswert. Was die Altersgruppen betrifft: Gerade in den qualifizierenden Lehrgängen der Amateurmusik gibt es einerseits viele junge Leute ab 16 Jahre, die sich weiter qualifizieren wollen, und andererseits Senioren und Seniorinnen, zum Teil hochbetagt, die sich ihren Interessen bei uns als Spätberufene widmen.

Was kann der Veranstalter für eine erfolgreiche Weiterbildung tun?

Der erste Punkt ist die saubere Planung. Wir prüfen sehr genau, welches Thema für welche Zielgruppe wir mit welchem zeitlichen Umfang an welchem Termin an welchem Ort anbieten. Denn alle diese Parameter können dazu führen, dass es nicht klappt. Wenn ich eine landesweit ausgerichtete Fortbildung für Erzieherinnen und Erzieher nur in Heek anbiete, dann kommt niemand aus Aachen. Sondern ich muss mit der Fortbildung auch in den Aachener Raum gehen. Wenn wir hier in Nordrhein-Westfalen zwischen den Regionen wandern, funktioniert es. Ähnliches gilt für den Zeitpunkt: Biete ich während der Schulzeit etwas für Lehrkräfte an, das eine ganze Woche dauert, wird logischerweise niemand kommen. Und wenn wir Fortbildungen für Musizierende anbieten, den Titel aber eher wissenschaftlich-theoretisch formulieren, wird das potenzielle Teilnehmer ebenfalls eher abschrecken. Es ist wichtig herauszufinden, was die Zielgruppe braucht, auch der Dozent / die Dozentin spielt dabei eine große Rolle.
Findet ein Kurs statt, sollte gleich zu Beginn das Kursziel festgelegt werden – hier muss es zwischen dem Angebot und den Erwartungen der Gäste eine deutliche Schnittmenge geben. Im Vorfeld müssen wir daher in den Ausschreibungen sehr klar formulieren, wie Inhalt, Zielstellung und Methodik des Kurses aussehen.
Sehr gern gehe ich immer in die Abschlussrunden, um zu sehen, wie die Kommunikation läuft und wie entspannt die Gesichter sind. Wenn dann alle in der Tendenz eher strahlen, dann weiß ich, es hat geklappt.

Wer trägt die Kosten für Ihre Angebote?

Wir sind eine öffentlich geförderte Einrichtung, finanziert sind dadurch Haus, Mitarbeiter und Ausstattung. Die direkten Kosten der Fortbildung müssen in der Regel durch Teilnehmer-Entgelte getragen werden. Allerdings gibt es Themen, die uns ganz besonders am Herzen liegen und für die wir bisweilen Unterstützung durch Stiftungen, Banken, Sponsoren gewinnen können.

Wo können die Teilnehmer selbst Unterstützung erhalten, um an einem Kurs teilzunehmen?

Es gibt die Bildungsgutscheine und die Bildungsprämien sowie in den Ländern auch noch jeweils eigene Förderungen für Berufstätige. Viele Akademien bieten außerdem die Möglichkeit für Ermäßigungen unter bestimmten Voraussetzungen oder auch für Stipendien, insbesondere für jüngere Leute.

Wie viele Teilnehmer hatte Ihre Akademie im letzten Jahr?

Unsere Berechnungsgrundlage sind die Teilnehmertage, und das waren 2017 etwa 21.000. Unsere Teilnehmer bleiben im Durchschnitt zwei bis zweieinhalb Tage.

Was bedeutet das im Vergleich mit den anderen Akademien?

Wir sind damit etwa im Mittelfeld. Es gibt auch Einrichtungen, etwa die Musikakademie Schloss Weikersheim oder die Landesakademie Ochsenhausen, die deutlich mehr Teilnehmertage haben.

Was macht Ihnen persönlich an Ihrer Arbeit besondere Freude?

Die große musikalische Spannbreite: von der Meisterpianistin, die hier einen Kurs gibt, bis hin zu Menschen aus verschiedensten Kulturen, die ihre Musik hier präsentieren und auch weitergeben. Und das Erlebnis, dass Musik die gesamte Lebensspanne umfasst und immer wieder unglaubliche Wirkungen erzeugt, aber auch eigentlich den ganzen Menschen grundsätzlich mitnimmt. Andere zu unterstützen und zu befähigen, diese Wirkungen weiterzugeben, macht mir den allergrößten Spaß.

Das Gespräch führte Christiane Schwerdtfeger.

Antje Valentin ist Direktorin der Landesmusikakademie NRW in Heek und Sprecherin des Verbands der Bundes- und Landesmusikakademien.

Eine Einführung in das Thema "Musikalische Fort- und Weiterbildung" geben Antje Valentin sowie Kerstin Hädrich und René Schuh in ihrem Fachbeitrag, der unter www.miz.org auch als PDF verfügbar ist.

Stand des Beitrags: 23. März 2018